Der offizielle Startschuss in die närrische Hochphase findet alljährlich am Mittwochabend vor der Fasnet im Rahmen des Narrenrecht-abholens statt, ein hochnärrisches Event, zu dem sich jedes Jahr Gäste von nah und fern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einfinden.
In der dritten Strophe des Waldseer Elferliedes wird schon treffend beschrieben worum es sich beim Narrenrechtabholen in Bad Waldsee handelt:
“Am Mittwoch vor dr Fasnet, kommt dr Polizei,
verkünd mit lauter Stimme, a goht d’ Narretei,
dr Schultes kriagt dr Strohhut, aus isch mit em Hochmut,
Narrenfreiheit winkt, dr Schellenbaum jetzt klingt.”
Durch diesen Akt der Entmachtung der Stadtobrigkeit (Schultheiß und Magistrat) auf dem Rathaus und durch die Übergabe der Macht an den Zunftmeister und seine närrischen Räte, wird der Einfluss der Fasnet im städtischen Alltagsleben manifestiert und Narren übernehmen das Zepter während der närrischen Tage. Die Zeremonie läuft dabei wie folgt ab:
Im Rathaus betritt der Bürgermeister, mit Barett als Kopfbedeckung als Zeichen seiner Regentschaft, den Sitzungssaal. Begleitet wird er dabei von Gemeinderäten, die mit schwarzen Roben und weißen Perücken gekleidet sind. Ein Fasnetskurier macht sich derweil hoch zu Ross durch die Altstadt vom Gasthaus Kreuz zum Rathaus auf den Weg. Er kündigt den Anmarsch des Zunftmeisters und seiner Räte an. Hierbei wird bereits die Forderung der Narren nach „absoluter Bereitschaft zur Übergabe von Narrenrecht und Narrenfreiheit und der Übertrag der totalen Regierungsgewalt über die Fasnet“ kommuniziert.
Diese Forderung wird im Kreis des Gemeinderates natürlich kontrovers und publikumswirksam diskutiert. Dabei werden durchaus Zweifel angemeldet, warum die Gewalt über die Stadt ausgerechnet an die Narren übergeben werden solle, denn „narret sei mer de moischt Zeit im Johr doch selber“.
Doch nach der unvermeidlichen Einsicht der bisher herrschenden Institutionen, kann der Kurier die positive Botschaft dem versammelten Zunftrat beim Gasthaus Kreuz überbringen. Dieser setzt sich daraufhin Richtung Rathaus, begleitet mit den Klängen des Narrenmarsches von der Waldseer Stadtkapelle und mit lautem Schreien des Narrenrufes „AHA“, in Bewegung.
Nach Ankunft des Zunftrates wird der Zunftmeister faktisch zum Oberhaupt der gesamten Stadt Bad Waldsee bestimmt. Nach seinem Dank kündigt er an, die „totale Regierungsgewalt vom gumpigen Dunstig über den bromigen Freitag und den schmalzigen Samstig bis Aschermittwoch auszuüben“. Derartig gewichtigen Ereignisse werden natürlich auch noch mit Brief und Siegel bestätigt.
Doch noch muss ein symbolischer Schritt vollzogen werden und eine Insignie der Macht, nämlich das Barett, entschwinden. Das Bild des Strohhutes als Zeichen der Machtlosigkeit des Bürgermeisters vollführt dies auf anschauliche Weise. Der Zeremonienmeister übergibt den Hut mit den Worten: “Das Barett muss endlich weichen, der Strohhut sei das äußere Zeichen.”
Dieser Reim bildet die finale Übergabe und ist das Zeichen der neuen Machtverhältnisse in der Stadt.
